Mathematik mangelhaft
Rolf Röhrig
1. Auflage 1996, Hamburg, Rowohlt, Sachbuch Band 19725
Das Buch teilt sich in vier Kapitel auf: Im ersten wird anhand "Beispielen"
klar gemacht, daß es kurzsichtig ist, nur auf das Ergebnis von Aufgaben
zu achten. Es können durchaus falsche Konzepte zu richtigen Ergebnissen
führen, die sich aber später erst bei weiterführenden Aufgaben bemerkbar machen.
Daher, so der Autor, werden oftmals die eigentlichen Rechenfehler nie gesehen
noch behoben. Diese falschen Konzepte werden anhand verschiedener Problemfelder
wie Grundrechenarten, Bruchrechnen, Prozentrechnung und Textaufgaben demonstriert.
Es wird hernach kurz erläutert, wie man beim Unterricht bzw. bei der Nachhilfe
vorzugehen hat, wenn man die eigentlichen Gründe für einen Rechenfehler finden
will.
Im zweiten Teil versucht der Autor eine Kritik an der hiesigen Bildungshierarchie,
indem er der Frage "Wie kann es kommen, daß es Mathematik-Schwächen geben kann"
nachgeht. Hierbei kritisiert er, daß das "klassischen" Bildungssystem nur dazu diene,
Schüler zu klassifizieren und entsprechend dieser Klassifikation Möglichkeiten zu
ihrer Weiterbildung zu geben. Diese Kritik mag, wenn sie denn konstruktiv
Alternativen aufzuweisen hätte und gesellschaftliche Phänomene miteinbezöge, was sie
leider nicht tut, berechtigt sein, sie ist aber in einem Buch, das in seinem
Hauptsinnen dazu dient, neue Lernstrategien aufzuzeigen, um die Mathematik Schülern
näher zu bringen, völlig fehlplaziert. Die Meinung des Autors ist es hier, daß
jeder Mathematik lernen kann, aber das Bildungssystem dies absichtlich verhindert.
Augenfällig sind hierbei einige Hegel/Marx-Zitate.
Im dritten Teil wird der Begriff "Arithmasthenie" oder "Dyskalkulie" angegriffen-
mit diesem Term soll eine (angeborene) Rechenschwäche bezeichnet werden. Der
Autor analysiert hier zuerst diesen Begriff und zeigt dessen Mängel auf.
Ferner setzt er sich mit wissenschaftlichen Beiträgen zu den Ursachen dieser
"Krankheit" auseinander, die in geringfügigen Hirnschäden (MCD) und "Lern-
und Sozialisationsbedingungen" Ursachen für die "Arithmasthenie" finden--
Diese findet der Autor aber nicht, "weil es [sie] nicht gibt" (S. 158).
Letzlich folgt im vierten Teil werden Übungsaufgaben anhand von Arbeitszetteln
Sach/Textaufgaben zu ausgewählten Themen vorgestellt, die speziell das Verständnis
der mathematischen Sachverhalte fördern sollen: So sind Aufgaben gegeben, bei
denen der Schüler sich selbst mögliche Fragen ausdenken soll, um zu lernen,
was genau gegeben und ggf. gesucht ist.
Hinzu gibt der Autor Tips, wie der Lehrende die Aufgaben stellen und die
Lösungen beurteilen soll. Zusätzlich sind Knobelaufgaben mitsamt Lösungen
zu finden.
Geschrieben ist das Buch für alle, die in irgendeinerweise Mathematik
unterrichten, begonnen bei der Nachhilfe über Lehrer bis hin zu Eltern.
Allerdings ist zu bezweifeln, ob das Buch wirklich Nutzen bringt.
Sicherlich ist der erste Teil von Nutzen, daß der Lehrende sich überlegt,
daß durch Nachvollziehen der falschen Wege Schwierigkeiten aus dem
Weg geräumt werden können. Aber solange man nicht aus dem Bildungssystem
ausbrechen kann (und keine Revolution anzetteln will), bringen die
restlichen Kapitel herzlich wenig für die "didaktische Ausbildung",
solange man nicht mit dem Begriff "Arithmasthenie" konfrontriert ist.
Die Übungsaufgaben können dazu anhalten, andere Erklärungsstrategien
bei speziellen Problemen, wie Textaufgaben, einzuschlagen.
A.Demircioglu, Mathematik, BUGH Wuppertal
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