Writing for the Interactive Media. The Complete Guide
Jon Samsel & Darryl Wanderley
Allworth Press, New York 1998
Vor zwanzig Jahren reichte es, eine Arbeit mit der Schreibmaschine
zu verfassen. In der folgenen Zeit setzte sich das mit einem
Textverarbeitungsprogramm erstellte und mit einem Tintenstrahl- oder
Laserdrucker auf Papier gebrachte Manuskript als Standard durch.
Momentan entsteht mit der Durchdringung der Universität durch die
neuen Medien, vor allem durch das World Wide Web als Publikationsplattform,
eine neue Form des Manuskripts, der Hypertext. Lehrende und Studierende
müssen sich der Aufgabe stellen, die Form, in der sie ihre Gedanken und
Arbeitsergebnisse zu Papier bringen, zu verändern und Hypertexte zu
produzieren. Zweifellos haben Hypertexte für den Rezipienten Vorteile gegenüber den
traditionellen Publikationsformen, aber ihre angemessene Herstellung wurde und
wird fast nirgendwo gelehrt. Also wird man noch einige Zeit zur Selbsthilfe und
damit in das Bücherregal greifen müssen. Das hier besprochene Buch
verspricht jedenfalls solche Hilfe zur Selbsthilfe.
Bereits der Name des Buches, bzw. der Untertitel - "a complete guide" -
stimmt jedoch misstrauisch: Wie kann ein solches Thema vollständig abgehandelt
werden? Es handelt sich schließlich um einen Gegenstand, der sich täglich
wandelt, ja dessen Prinzip der Wandel ist. Man kann das Thema, kreatives geistiges
Schaffen im Umfeld der neuen Publikationsmedien, auf dreierlei Weise angehen.
Man kann erstens ein Rezeptbuch schreiben (nehmen Sie bei Webseiten keine Serifenschrift,
schreiben Sie auf einer Webseite das Wichtigste zuerst u.s.w.). Man kann zweitens
gelungene Beispiele, Produkte des Schreibprozesses in und für die neuen Medien
hernehmen und daraus wiederum Rezepte ableiten - man spricht in der Forschung von
Referenzmodellen oder "examples of best practice". Man kann drittens die
Theorie einer Disziplin, die etwas zum Schreib- und Rezeptionsprozess in den
neuen Medien zu sagen hat, darlegen und eventuell weiterentwickeln oder operationalisieren.
Eine wichtige Disziplin ist hier ohne Zweifel die Medienpädagogik.
Die Autoren wollen alles (vielleicht deshalb der Vollständigkeitsanspruch?) und
ihnen gelingt nichts richtig. Das Ergebnis sind Binsenweisheiten wie die,
dass ein Autor, der auch in der schnell wandelnden Medienindustrie bestehen will, sich
in seinem Profil von Hinz und Kunz abheben sollte (S. 281), halbgare und durchaus
umstrittene Thesen wie die, dass Hypertext am besten der Art und Weise unseres
Denkens entspricht (Zitat auf Seite 6). Na und, möchte man antworten, warum muss
ein Medium in seiner Struktur unserer Denkweise oder der neuronalen
Verfasstheit unseres Denkens entsprechen?
Man holt aus dem Buch noch am meisten heraus, wenn man die Rezepte für das
kreative Schreiben für die neuen Medien herausholt. Doch die muss man erst
einmal finden. Und außerdem gibt es auch dafür bessere Bücher.
Fazit: Dieses Buch will alles sein und ist dadurch nichts richtig. Weniger
wäre hier mehr gewesen. Die Autoren hätten sich außerdem mehr Gedanken darüber machen
können, ob ein Buch, zumal in dieser Aufmachung, das richtige Medium für
das Thema "Schreiben für die interaktiven Medien" ist.
L.Lemnitzer, Allgemeine Sprachwissenschaften / Computerlinguistik, Seminar für Sprachwissenschaften, Uni Tübingen
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